Tarot-Kartenlegen ist schon lange mehr als Orakel und auch mehr als ein "Blick in die Zukunft". Das Legen von Tarotkarten wird heute als ein Blick in das Leben des fragenden Menschen angesehen, eine Lebens- und Entscheidungshilfe, eine Problemlösung, vielleicht auch - von qualifizierten Menschen - eine therapeutische Stütze.

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Tarot-Märchen: Der Magier

Leseprobe aus dem Buch: „Es war einmal ein Narr“
von Gudrun Anders

© bei der Autorin

Der Magier


Es war einmal ein junger Mann, Konstantin mit Namen, der schon von klein auf anders war als alle anderen. Wenn seine gleichaltrigen Kameraden Räuber und Gendarm spielten, lag er auf seinem Bett und las Bücher. Wenn die anderen am See spielten und um die Wette schwammen, untersuchte er die Bäume und Pflanzen am Seeufer. Wenn die anderen Streiche ausheckten, studierte er die wilden Tiere im Wald und freundete sich mit ihnen an. Konstantin war ein Sonderling und es störte ihn wenig, da er mit seiner Welt vollauf zufrieden war.
 
Eines Tages aber hatte er ein Problem. Er hatte sich so viel Wissen angeeignet, das sein Kopf ihm für sein Problem allerlei mögliche Lösungen anbot. „Du kannst dies tun“ sagte eine Seite ihn im und eine andere antwortete: „Tue besser das und das“. So war Konstantin gefangen und konnte eigentlich gar nichts machen, weil er sich weder für noch gegen etwas entscheiden konnte.
 
So blieb ihm nichts anderes übrig, als sich mit anderen Dingen zu beschäftigen und die Lösung seines Problems dem Schicksal zu überlassen. Und so ging er in den Wald, besah sich wieder einmal die Tiere, Bäume und Pflanzen und wurde langsam wieder ruhiger. Aber eine Frage beschäftigte ihn an diesem Tag doch sehr: Wie schaffte man es, alle Kräfte im Gleichgewicht zu halten, damit man sich immer gut fühlte? Bislang, so dachte er, hatte er das ganz gut gemanagt, aber ihm schien so, als wenn er eine andere Ebene der Betrachtung einnehmen würde, die ihm bislang noch nicht zugänglich gewesen war.
 
Und mitten im Wald wurde er plötzlich stutzig, denn ein ungewohntes grellgelbes Licht schien hier auf einmal, das mehr als ungewöhnlich für den tiefen Wald war. Aber neugierig wie er nun einmal war, zog es ihn fast magisch zu diesem Ort. Hinter einem Baum versteckt erblickte er einen Tisch, auf dem viele Utensilien lagen und einige blitzten golden in dem Licht.
 
Er versteckte sich eine Weile und beobachtete. Aber nichts rührte sich und weit und breit war keine Menschenseele zu sehen, der diese Dinge gehören konnten. So tastete er sich langsam vorwärts und unter mehrmaligem in alle Richtungen schauen ging er ganz nah an den Tisch heran.
 
Als erstes nahm er die rote Robe, die zu oberst auf dem Tisch lag. Eine innere Stimme riet ihm, die Robe über sein weißes Kleid zu ziehen. Und als er sie überstreifte, spürte er plötzlich ganz deutlich, dass er mehr Energie als zuvor hatte. Warum das so war, konnte er sich allerdings nicht erklären. Dann entdeckte er einen Zauberstab und nahm ihn zur Hand.

Und wie von magischer Hand gezogen schoss der Zauberstab gen Himmel und Konstantin war dem machtlos ausgeliefert, ja, er hatte nicht einmal die Möglichkeit, seinen Arm wieder herunter zu nehmen. Jetzt wurde ihm doch ein wenig mulmig, denn hier waren eindeutig magische Dinge am Werke, die er nicht einschätzen konnte und auch gar nicht in seinem Leben haben wollte.
 
„Ob du sie haben willst oder nicht, steht hier eigentlich nicht zur Debatte“, sagte da plötzlich eine Stimme aus dem Hintergrund, aber Konstantin konnte sich nicht bewegen, um nachzusehen, wer dort hinter ihm stand. „Ob du es willst oder nicht, du bist der Mittler zwischen Himmel und Erde. Du bist der Magier, der alle Geschicke lenkt. Du hast gefragt, wie du die Kräfte beherrschen lernen kannst – gut, hier ist die Antwort.“
 
„He, Moment mal“, hob Konstantin zu einer Abwehr an, denn so genau hatte er es eigentlich nicht wissen wollen und schon gar nicht mit ihm selbst als lebendes Versuchsobjekt.

Aber er kam nicht mehr weiter, die Stimme unterbrach ihn sofort: „Du bist das Bindeglied zwischen Himmel und Erde. Dein ganzes Leben lang forschst du schon nach den Hintergründen des Seins und hast sie nicht gefunden, weil dir ein Schlüssel fehlte. Du hast dich als getrennt gesehen – und das ist unmöglich. Du bist die Kraft der Elemente, die du nutzen solltest. Du hast gedacht, du benutzt die Kräfte, aber das ist nicht richtig. Du brauchst ein neues Verständnis der Zusammenhänge, dann wird das für dich begreiflicher.“

Es entstand eine Pause und Konstantin hatte sich inzwischen an die vermehrte Energie, die durch seinen rechten Arm in ihn einfloss mehr gewöhnt, denn er hatte entdeckt, dass er diese unglaublichen Energien durch seinen linken Arm in den Boden abfließen lassen konnte. So konnte er endlich den Arm wieder herunter nehmen, aber sich bewegen oder gar umdrehen konnte er noch immer nicht.

Dann sprach die Stimme weiter: „So will ich dir die vier Kräfte des menschlichen Daseins erklären. Die erste Kraft ist die Kraft des Gefühls oder auch die Kraft deiner gesammelten Lebenserfahrungen. Fühle deine Gefühle, lasse sie fließen, beobachte sie und lerne daraus. Sie sind deine treuesten und wertvollsten Begleiter. Das Symbol des Gefühls ist der Kelch, in den alles fließt und aus dem heraus alles genährt werden kann.“ Konstantin nahm den Kelch zur Hand und betrachtete ihn genau, während er sich die Worte der körperlosen Stimme sehr gut einprägte. So sollte von heute an jeder Kelch an die Worte erinnern.

Dann sprach die Stimme weiter: „Die zweite Kraft ist die Kraft des Schwertes, die sich auf zwei Ebenen ausdrückt. Zum einen als deine Kraft, um die in der physischen Welt zu wehren. Sie steht für Durchsetzungsvermögen und geistige Kraft. Aber es ist auch die Kraft des Verstandes, der zuweilen größer sein möchte als das Herz und seine Gefühle – aber nicht immer richtig. Die Kraft dieses Elementes soll ausschließlich zum Wohle aller eingesetzt werden und niemals zum Spaß.“

Und während die Stimme sprach, hatte Konstantin das Schwert zur Hand genommen und es hin und her gedreht, so dass es in der Sonne blitzte und funkelte. Und auch diesmal prägte er sich die Worte sehr gut ein und fortan sollte ihn jedes Schwert an diese Worte erinnern.

Und die Stimme fuhr fort: „Die dritte Kraft ist die der Münzen, die ein Symbol für alle weltlichen Dinge ist. Bewerte sie nicht über, aber unterschätze diese Kraft auch nicht. Nutze sie weise, dann kann dir in dieser Welt nichts geschehen.“ Und Konstantin hielt die Münze in der Hand, spiegelte sie in der Sonne, drehte sie hin und her und nahm die Worte der Stimme tief in seinem Inneren auf.

Dann sprach wieder die Stimme zu ihm: „Die vierte und letzte Kraft ist die Kraft der Stäbe. Es ist die Energie des inneren Feuers, deiner Leidenschaft, deines Ausdrucks und deiner Lebendigkeit. Lasse diese Energie niemals versiegen, denn es ist auch die Energie deiner Kreativität und damit der Arbeit, die dir wiederum die Münzen bringt, die du benötigst.“ Konstantin besah sich den Stab genau, drehte und wendete ihn und merkte sich die Informationen, die die Stimme ihm gab, sehr genau.

Konstantin nahm noch einmal alle Gegenstände in die Hand, besah sich ihr Aussehen und merkte sich jedes Detail ihrer Beschaffenheit, damit er sie niemals vergessen konnte. Und er fragte sich, wie er jemals alles dieses Wissen anwenden sollte, denn es war nicht leicht, immer und zu jeder Zeit alle Elemente im Gleichgewicht zu halten.
 
Da schaltete sich die Stimme wieder ein: „Das ist auch nicht nötig. Denke nur daran. Die Anteile der Elemente werden von Situation zu Situation immer schwanken. Mal ist dieses mehr und dann wieder das andere weniger. Darum geht es auch nicht. Es geht darum, das du der Magier bist, der sich entscheiden muss, wie viel er von welchem Element in der jeweiligen Situation benutzen möchte. Vergiss nicht: Du bist der Magier. Du entscheidest. Immer.“
 
Plötzlich hatte Konstantin das Bedürfnis, über all das nachzudenken, was er gehört hatte. So zog er den Umhang wieder aus und legte ihn ordentlich auf den Tisch zurück. Er schaute noch ein letztes Mal auf die Gegenstände und machte sich dann auf den Nachhauseweg. Nach einigen Schritten drehte er sich noch einmal um, aber der Tisch und alle Utensilien waren verschwunden.
 
Aber das Wissen in seinem Kopf war noch da und ein Satz wollte ihm nicht aus dem Kopf gehen und er überlegte viele, viele Tage, was die Tiefe seiner Bedeutung war: „Vergiss nicht: Du bist der Magier. Du entscheidest. Immer.“ Und eines Tages hatte er begriffen und da war er wirklich der Magier seines Lebens geworden – und auch sein Problem, mit dem er sich plagte, war zu seiner Zufriedenheit gelöst.

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